Sally Perel auch 2010 zu Besuch in der H20
Insgesamt zum vierten Mal besuchte der Verfasser der Autobiographie „Ich war Hitlerjunge Salomon“ im Rahmen seiner Lesereise durch Deutschland die H20. In den beiden Lesungen am 25.11.2010 im Theatersaal der Schule verfolgten knapp 500 Schülerinnen und Schüler seine eindrucksvollen Schilderungen über seine Zeit als jüdischer Junge während des Dritten Reiches. Der frisch und agil wirkende 85jährige Sally Perel erzählte seine Lebensgeschichte und -erfahrungen völlig frei. Seine Erlebnisse sind beeindruckend und außergewöhnlich: Als geborener Jude war Salomon „Sally“ Perel während der NS-Diktatur dazu gezwungen, seine Religion in den Hintergrund zu stellen und wurde – um überleben zu können – ein Mitglied der Hitlerjugend. Auf der Flucht nach Osten wurde er schließlich von der Wehrmacht aufgegriffen und gab sich als Volksdeutscher aus. Unter dem Decknamen Josef „Jupp“ Perjell wurde er als angebliches Waisenkind auf die Akademie für Jugendführung der Hitlerjugend in Braunschweig geschickt.
Nach Kriegsende emigrierte er nach Israel.
Sally Perel brauchte mehr als vierzig Jahre, um das Trauma seines Lebens in Worte zu fassen. Er betonte, dass es ihm als einem der letzten jüdischen Zeitzeugen ein großes Anliegen sei, aufzuklären. Somit legte er seinen Zuhörerinnen und Zuhörern ans Herz, die Wahrheit über die Schrecken durch die Nationalsozialisten zu verbreiten und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, um auf diese Weise neonazistischen Bewegungen vorzubeugen. Gleichzeitig sprach sich Perel für ein freies Palästina und freies Israel aus. Gebannt durch seine ehrliche Art, die eindringlichen Worte und die höchst persönlichen Erzählungen verfolgten die Besucherinnen und Besucher aufmerksam seinen Lebensbericht und seine Gedanken über die Welt.
Perel erklärte, dass ihn das „Leben in zwei Welten“ noch heute heimsuche. Er sprach für sich von einer „Spaltung der Seele“: einerseits die streng jüdische Erziehung, andererseits das Leben in einer nationalsozialistischen Welt mit ihrem speziellen Gedankengut, Ritualen wie dem Hitlergruß etc. Während des „Rassenkunde“-Unterrichts wurde Perel die Mangelhaftigkeit dieser Ideologie jedoch besonders deutlich, da er selbst als ein typisches Beispiel für einen ostbaltischen Arier herausgestellt wurde. An dieser sowie an weiteren Stellen seines Vortrags verstand es Perel die ernsthaften Themen mit Witz und Humor zu durchsetzen.
Einer der emotionalen Höhepunkte dieses Vormittags war die kurze Darstellung des Abschieds von seinen Eltern. Beide verblieben im Ghetto in Lodz; sie wussten, dass für sie kein Überleben möglich war.
Sally Perels Mutter gab ihm „Du sollst leben!“ und sein Vater „Vergiss nie, wer du bist!“ mit auf den Weg – beides hat Perel gedanklich ständig begleitet.
Fast unbegreiflich, dass dieser Mensch trotz des Holocaust Deutschland als sein emotionales „Mutter“land sieht. Israel bezeichnet er mittlerweile aber als sein rationales „Vater“land.
Mit lang anhaltendem Beifall, standing ovations und interessierten Fragen bedankten sich die Schülerinnen und Schüler für dieses außergewöhnliche Erlebnis. Viele nutzen die Gelegenheit, um das Buch zu erwerben und ließen es vom Autor mit einer Widmung versehen.
Danke und Shalom, lieber Salomon Perel, für diese unvergesslichen Momente!
__________________________________________________________
Vielen Dank an unseren Kollegen Piet Vollandt, der diese Veranstaltung erneut initiert und organisiert hat.
(Cornelia Seidel H20)
